
In Deutschland blickt die Automobilindustrie auf eine hundertjährige Tradition zurück. Doch in der heutigen Welt und in einem Umfeld, das geprägt ist von Unsicherheiten und schnellen Veränderungen, brauchen Unternehmen mehr, um erfolgreich zu sein: Nur wer sich stetig weiterentwickelt und Innovationen vorantreibt, wird langfristig am Markt bestehen. Die Frage ist: Wie kann das gelingen?
Antworten dazu lieferte Harry Koehnemann während des Automotive Days 2024. Der langjährige Mitarbeiter von Scaled Agile Inc. – der Firma hinter dem SAFe® Framework – brachte mit seinem Vortrag unter dem Titel “Complexity meets Agility: Disrupting Automotive Through Faster Innovation” fesselnde Impulse für die Branche. In diesem Artikel haben wir seine interessantesten Gedanken für dich zusammengefasst.

Die Essenz der Agilität
Gleich zu Beginn entpuppte sich Harry als Fan der Luft- und Raumfahrt – er eröffnete seinen Vortrag mit nichts weniger als der Mondlandung. Im Zuge dessen denkst du sicherlich auch an Neil Armstrongs weltberühmtes Zitat „One small step for a man, one giant leap for mankind“, das Harry allerdings hinterfragt. War es denn wirklich ein kleiner Schritt? Oder war es nicht eher eine Aneinanderreihung vieler kleiner Schritte? Bis Menschen tatsächlich den Mond betreten konnten, musste die NASA 24 Missionen unternehmen. Mit jeder Mission wurden kleine, aber entscheidende Fortschritte erzielt, die letztendlich zur erfolgreichen Mondlandung führen konnten, so Harry.
Dieses schrittweise Vorgehen bezeichnete er als Essenz der Agilität. Es gehe darum, inkrementell zu arbeiten und dadurch Risiken zu minimieren, besonders in unsicheren und komplexen Umgebungen, wie die Automobilindustrie es ist.
Technologische Revolutionen als Muster der Disruption
Nachdem sich Harry mit zwei von drei Schlagworten seines Vortragstitels, nämlich Komplexität und Agilität, beschäftigt hatte, wendete er sich der Disruption zu – und ihren Vorteilen. Denn so negativ sie zunächst aufgefasst wird, so erstaunlich und zukunftsweisend können ihre Folgen sein.
Das veranschaulichte er anhand verschiedener technischer Revolutionen, von der industriellen Revolution bis heute. Dabei beschrieb er die Abfolge der Phasen, die bei jeder Revolution durchlaufen werden: Erst das Aufkeimen, die „Installation Period“. Darauf folgen der Wendepunkt, der „Turning Point“, und im Anschluss daran die Etablierung, die „Deployment Period“.
Aktuell befinden wir uns laut Harry inmitten dieser Etablierungsphase innerhalb des Digitalzeitalters. Für ebendieses Zeitalter, das „Age of Software and Digital“, seien Lean-Agile-Praktiken und kontinuierliches Lernen die notwendigen und zeitgemäßen Management-Methoden.

Quelle: Harry Koehnemann
Beispiele von Tesla, SpaceX und SAAB zeigten, wie Unternehmen von digitalen Disruptionen profitieren könnten. Dabei betonte Harry, dass nicht nur die technologischen Innovationen zählten, sondern auch, wie Projektmanagement gestaltet und Wissen aufgebaut und geteilt werde.
Der Weg zu Innovationen
Schnelles Lernen und kontinuierliche Verbesserungen ebnen also den Weg zu Innovationen. Für all das braucht es Feedback – und zwar so früh wie möglich. Dafür empfiehlt Harry PDCA-Zyklen (Plan-Do-Check-Adjust), mit denen die Produktentwicklung notwendige Änderungen rechtzeitig ausführen und auf Kurs bleiben kann.
Das übergeordnete Ziel sollte eine beständige Auslieferung, eine “Continuous Delivery Pipeline (CDP)”, sein. Dieser Ansatz lohne sich, wie Harry seiner Buchempfehlung “Accelerate” entnommen hat: Unternehmen, die schneller und häufiger in ihrer operativen Umgebung ausliefern, seien erwiesenermaßen erfolgreicher.
Das Prinzip des schnellen Lernens und Reagierens auf Feedback gelte nicht nur für Software, sondern auch für Hardware – obgleich dort Anpassungen länger dauerten oder mühsamer seien. Harrys universelle Empfehlung hierfür lautet: Bevor Hardware verbaut wird, sollte sie hinreichend in virtuellen Umgebungen und anhand von Prototypen getestet und verbessert werden. Praktiken wie das Rapid Prototyping sind dafür nützlich. Davon profitierten in der Vergangenheit auch traditionsreiche Firmen wie etwa General Motors, indem sie das Tempo ihrer Entwicklung erhöhen konnten – zum Beispiel beim GMC Hummer EV.
Organisation nach Wertströmen und Führungswandel
Zum Schluss widmete sich Harry noch zwei übergeordneten Themen, die die Organisation und Führungsetage von Unternehmen adressieren.
Silos
Das erste Thema: Silos. Wissens- und Funktionssilos gehören gerade in traditionellen Unternehmen zu den häufigsten Problemen. Als Lösung schlägt Harry die Organisation nach Wertströmen vor. Dafür sollen crossfunktionale Teams eingesetzt werden, die öfter und enger miteinander interagieren, um so für ein effizientes Entwicklungsumfeld zu sorgen.
Führung
Das zweite Thema beschäftigt sich mit Führung. Harry betonte, wie wichtig psychologische Sicherheit für agiles Arbeiten ist, damit Teams wirklich experimentieren und lernen können. Dafür sei es notwendig, dass Führungskräfte die Transformation innerhalb des Unternehmens verstehen und anführen – und dabei Passion zeigen. Als Beispiel führte Harry dafür eine weitere Buchempfehlung, nämlich “The Lean Machine”, an.
Harrys Tipps vom Automotive Day 2024 auf den Punkt gebracht
- Stärke das Fundament der Agilität: das schrittweise Vorgehen. Arbeite inkrementell und minimiere dadurch allerlei Risiken.
- Bleibe am Puls der Zeit: Lean-Agile-Praktiken und kontinuierliches Lernen sind notwendige und zeitgemäße Methoden, die es zu nutzen gilt. Investiere in durchdachtes Projekt- und Wissensmanagement.
- Hole frühestmöglich Feedback ein – nutze hierfür beispielsweise PDCA-Zyklen. Teste Praktiken wie das Rapid Prototyping, um deine beständige Auslieferung zu optimieren.
- Löse Silos bestmöglich auf. Eine Option dafür wäre, deine Teams nach Wertströmen zu organisieren.
- Fördere psychologische Sicherheit und stelle sicher, dass deine Führungskräfte eine Passion für die Unternehmenstransformation zeigen.
Harrys Buchempfehlungen
- Ph.D. Nicole Forsgren, Jez Humble, Gene Kim: Accelerate: The Science Behind Devops: Building and Scaling High Performing Technology Organizations (2018)
- Dantar P. Oosterwal: The Lean Machine: How Harley-Davidson Drove Top-Line Growth and Profitability with Revolutionary Lean Product Development (2010)
Fazit: Komplexität, Agilität, Disruption (Automotive Day 2024)
Alle drei Schlagworte – Komplexität, Agilität und Disruption – kann die Automobilbranche laut Harry zu ihren Gunsten einsetzen. Seine Überzeugung: Lean-Agile-Praktiken sind die notwendigen Werkzeuge, um als Unternehmen zu bestehen.
Falls du noch tiefer in das Thema eintauchen willst, schau dir den gesamten Vortrag vom Automotive Day 2024 hier an:
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